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Die Presse über Babette Haag

"Über wirbelnde Schläge hin zu fremden Galaxien"

02.12.2010 10:22

Wiesbadener Tageblatt vom 24.07.1996,
von rh

Babette Haag begeisterte auf dem Rheingau-Musikfestival in Schloß Reinhartshausen

Die unübersehbare Batterie von Schlaginstrumenten, die Babette Haag in der Kelterhalle von Schloß Reinhartshausen aufgebaut hatte, suggerierte, daß Besonderes zu erwarten war. Besonderes gab es reichlich, zum einen die erfrischende Art, in der die junge Schlagzeugerin die einzelnen Beiträge ihres Programms kommentierte, zum anderen die erstaunlich reiche und als exotisch zu bezeichnende Klangpalette, die sie aus diesen verschiedenen Instrumenten herausholte. Anfangs war noch alles "übersichtlich" auf das Marimbaphon konzentriert. In feinst ausdifferenzierten Lautstärkegraden musizierte Haag eine Adaption von J. S. Bachs Suite für Violoncello solo Nr. 3 in C-Dur (BWV 1009) mit tänzerischem Schwung und jeder Nuance nachspürend.

Mit Reginald Smith Brindles "Orion M.42" entführte die Künstlerin in fremde Galaxien, unternahm eine "Klangreise durch ferne Welten". Sie gestaltete mit einer Menge verschiedenster Schlagwerkzeuge, traktierend und "streichelnd", einen bezwingenden Wechsel von Forteklängen und fast entmaterialisierten Tönen. Mit Keiko Abes Komposition "Dream of the cherry blossoms", einer Variationenfolge über das japanische "Kirschblütenlied" in einer farbig aufbereiteten, sehr delikaten Wiedergabe auf dem Marimbaphon endete der erste Teil des Konzerts.

Im zweiten Teil kam das Vibraphon mit Mark Glentworth' "Blues for Gilbert" zu Ton, einer "Mischung von Blues und Requiem", wechselnd zwischen verfremdeten Bluesanklängen und Resignation. Dann wurde man mit "Two Mexican Dances" von Gordon Stout für Marimbaphon bekanntgemacht, blieb also im tänzerischen Metier. Haag meisterte diese diffzile Komposition mit enormer Gewandheit, erzählte, daß in Mexiko wegen des großen Tonumfangs drei Instrumentalisten dafür gebraucht würden, aber "nach fünf Jahren Studium muß man das halt auch allein können" - sie konnte es, in atemberaubendem Tempo.

Beim letzten Werk dieses einzigartigen Konzertes, "Psappha" von Yannis Xenakis, zog sie noch einmal alle Schlagregister. In sechs Instrumentenkombinationen, die dem Bereich der Trommel zugeordnet waren, unter Einbezug solcher unorthodoxer Instrumente wie Autofelgen, entfesselte sie eine mehr als lärmintensive Tonfoilge in rhythmisch packender Kontur. Zu bewundern die wirbelnde Schlagkraft und Rasanz, aber auch die Fähigkeit, die im Punktsystem vorliegende schwierige Notierung zu erfassen und brillant umzusetzen. Stürmischer Beifall für diese exzellente Künstlerin, ihr Dank: Bach und ein Marimbatanz.

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